Indien ist reif für mehr Frauen in der Politik

März 13th, 2010

Pünktlich zum Weltfrauentag wurde am 8. und 9. März in der Rajya Sabha, dem Oberhaus des indischen Parlamentes, die „Women‘s Reservation Bill“ zur Einführung einer Frauenquote auf den Weg gebracht. Das Gesetz ist auf eine Laufzeit von 15 Jahren begrenzt. In einem Rotationssystem sollen jeweils 33 Prozent der zur Wahl stehenden Sitze in allen Volksvertretungen des Landes für Frauen reserviert werden. Im direkt gewählten Unterhaus (Lok Sabha) sind momentan nur 59 der 545 Abgeordneten Frauen (10,9 Prozent). Im Oberhaus sind nur 21 der 250 Sitze von Frauen besetzt (8,4 Prozent). Würde ein Drittel der Sitze in den Häusern für Frauen reserviert, hätte Indien eine der weltweit höchsten Frauenquoten. Die Gesetzesvorlage muss aber erst noch mit einer Zweidrittelmehrheit das Unterhaus passieren und benötigt die Zustimmung von mindestens der Hälfte der Parlamente auf Bundesstaaten-Ebene.

Über die Einführung einer Frauenquote wurde seit 14 Jahren diskutiert: Bereits 1996 unter der Regierung Deve Gowda, sowie in der Amtszeit von Premierminister Atal Bihari Vajpayee. Für die notwendige Verfassungsänderung hatte es jedoch nie eine Mehrheit gegeben. Erst die Regierungskoalition von Premierminister Manmohan Singh (Kongress-Partei) brachte das Gesetzvorhaben nun zur Abstimmung. Das starke Engagement der Vorsitzenden der Kongress Partei, Sonia Gandhi, scheint dabei eine bedeutende Rolle gespielt zu haben. Sie wird mit dem Satz zitiert: „Welch ein Geschenk wäre es für die Frauen Indiens, wenn unser Parlament das Frauengesetz am historischen 100. Frauentag verabschieden könnte“. Es wird nicht einfach gewesen sein. Es kam zu Tumulten im Oberhaus, die eine Vertagung auf den nächsten Tag notwendig machten. Einige Abgeordnete hatten versucht, den Wahlgang zu blockieren, indem sie sich vor den Vorsitzenden stellten, nach seinem Mikrofon griffen und das Gesetzespapier in der Luft zerissen, das er verlas. Bei der Abstimmung am Dienstag Abend verließen einige der eigenen Koalitionspartner aus Protest den Saal. Kleine kastenorientiert Parteien hatten sich mit ihrer Forderung von Quoten für ihre Wählerklientel innerhalb der Frauenquote nicht durchsetzen können. In diesen kleinen Parteien sind kaum Frauen aktiv und sie befürchten in einem Drittel der Wahlkreise bald chancenlos zu sein.

Die Gesetzesvorlage für eine Frauenquote wurde mit 186 Ja-Stimmen, einer Nein-Stimme und 39 Enthaltungen verabschiedet, da die Opposition unter Arun Jaitley (BJP) ebenso wie die Kommunistische Partei (CPI M) der notwendigen Verfassungsänderung zugestimmt haben.

Quellen

Die Zeit, 9. März 2010

The Economist, 11. März 2010

Hintergrund

Konrad Adenauer Stiftung, Länderbericht 2000

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Rupien Rupien

Februar 7th, 2010

Für viele Inder gehört Korruption in Form direkter Bestechung und „Bescheinigungskosten“ zum Alltag. Beispielsweise schätzt Transparency International, dass indische Haushalte unter der Armutsgrenze im Jahr 2008 rund 200 Mio. US-Dollar aufbringen mussten, um Zugang zu kostenlosen, staatlichen Dienstleistungen wie Schulbildung, medizinische Versorgung oder Stromversorgung zu erhalten.

Die Organisation 5th Pillar (Chennai) hat ihnen jetzt ein Instrument an die Hand gegeben, sich gegen gierige Beamte zu wehren - den Null-Rupien-Geldschein. Die Idee stammt von einem indischen Pyhsikprofessor der Universität Maryland, USA, der es leid war für jeden Handgriff eines Beamten in Indien extra zu zahlen. Seit Beginn der Kampagne in 2007 hat die NGO rund 1 Mio. Scheine in Umlauf gebracht. Sie ähneln optisch der 50 Rupien-Note, auf der Vorderseite steht jedoch anstelle des Schriftzuges ‘Reserve Bank of India’ der Satz „Eliminate Corruption at all Levels“ geschrieben. Das übliche „I promise to pay the bearer…” wurde entsprechend durch „I promise to neither accept nor give bribe” ersetzt.

In einem Blog Post der Weltbank werden einige anschauliche Beispiel beschrieben: In einem Fall war der Beamte so bestürzt über die erhaltene Null-Rupien-Note, dass er die ganzen für den Anschluss eines Dorfes an das Stromnetz kassierten Gelder zurück gab. Ein anderer stand auf, bot der alten Dame einen Stuhl und Tee an und stellte die Bescheinigung aus, für die sie seit eineinhalb Jahren vergeblich vorgesprochen hatte.

Vijay Anand von der NGO 5th Pillar schätzt, dass die Null Rupien Scheine funktionieren, da Beamte trotz der Gesetze gegen Korruption bisher selten auf Widerstand stießen. Einfache Menschen trauten sich auch eher mit Hilfe der Geldscheine zu widersprechen, da sie eine organisierte Gruppe von Mitbürgern hinter sich wissen und nicht alleine stehen.

Null-Rupien-Geldschein

Gierigen Verkehrspolizist abschütteln : 300 Rupien
Beamten in Behörden bestechen, um den Vorgang zu beschleunigen: 500 Rupien
Den Gesichtsausdruck beim Überreichen des 0 Rupien-Scheins geniessen : UNBEZAHLBAR!

Mehr zum Thema:

Transparency International India

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Lesen und Lesen lassen

Januar 30th, 2010

Asiens größtes Literaturfestival fand vom 20. bis 25. Januar in Jaipur, der Hauptstadt des indischen Bundesstaates Rajasthan statt. Vor fünf Jahren war es noch eine kleine Gruppe Literaturliebhaber, die sich in Diggi Palace Hotel traf, um Autoren aus ihren Texten lesen zu hören. Diese Jahr kamen so viele Menschen, dass es teilweise unmöglich war, noch Platz in den Veranstaltungsräumen zu finden. Mehrere tausend Interessierte waren angereist, um die rund 200 Schriftsteller zu treffen. Neben dem nigerianischen Literatur-Nobelpreisträger Wole Soyinka und meinem persönlichen Lieblingsautor Alexander McCall Smith („The No. 1 Ladies Detective Agency“) lasen u.a. Vikram Chandra, Hanif Kureishi, O P Valmiki,Stephen Frears, Roberto Calasso, Tina Brown, Shashi Tharoor, Gulzar, Tarun Tejpal, Arvind K Mehrotra, Girish Karnad, Roddy Doyle, Lawrence Wright, Niall Fergusan, und Ayaan Hirsi Ali. Aus dem Nachbarland Pakistan waren, trotz des nicht immer einfachen Verhältnisses zwischen den Ländern, Salima Hashmi, Ali Sethi, Asma Jahangir und Shoukat Shoro vor Ort.

Es scheint vor allem die rasant wachsende Mittelschicht zu sein, die die Umsätze des indischen Buchhandels in die Höhe treibt. Die meisten Bücher werden zwar immer noch in kleinen, inhabergeführten Buchläden verkauft, die großen Ketten wie Crossword oder Land Mark sind in allen Einkaufszentren und Flughäfen zu finden und breiten sich mit ihnen aus. Ausländische Verlagshäuser wie Hachette und Harper Collins sind in den indischen Markt eingestiegen.

Verantwortlich für das Festival sind die Schriftsteller Namita Gokhale und William Dalrymple, sowie Sanjoy Roy von Teamwork Produktions. Die Literaturtage sind 2006 als Bestandteil des Jaipur Heritage Festivals entstanden und werden seit 2008 als eigenständige Veranstaltung durchgeführt. Das Festival erwirtschaftet zwar bisher keinen Gewinn und ist nur durch das Sponsoring einer wachsenden Zahl von Unternehmen möglich - es ist aber ein besonderer Stolz der Veranstalter, dass Autoren keine Gage außer einem Economy-Flugticket erhalten und es keine VIP Besonderheiten gibt. Ob berühmt oder nicht, alle Menschen treffen sich während der fünf Tage im Diggi Palace auf „Augenhöhe“. Obwohl sich der indischen Buchmarkt auf Autoren aus der Mittelschicht focussiert, die in Englisch publizieren und ihre Romane im vertrauten, eigenen Milieu ansiedeln, finden auch Dallits (ehem. „Unberührbare“) wie Omprakash Valmiki oder Ajay Navaria auf dem Festival ein interessiertes Forum. In diesem Rahmen ist es schon fast selbstverständlich, dass die Teilnahme an den Veranstaltungen für alle Besucher kostenlos ist.

Fotos der Lesungen und weiterführende Informationen unter:

Jaipur Heritage International Festival

Jaipur Literatur Festival

Hotel Diggi Palace

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Premier a.D. Dr. Primakow in Berlin

November 9th, 2009

Auf Einladung des Deutsch-Russischen Forums referierte Jewgeni Maximowitsch Primakow am 5. November in Berlin über „Russland in der modernen Welt“. Dr. Primakow ist russischer Wirtschaftspolitiker und Diplomat. Er war Direktor des Auslandsnachrichtendienstes, Aussen- sowie Premierminister unter Präsident Boris Jelzin.

Das Deutsch-Russische Forum engagiert sich seit vielen Jahren für einen gesellschaftlichen Dialog zwischen Deutschland und Russland. Der gemeinnützige und überparteiliche Verein wird durch Mitglieder aus Politik, Wirtschaft, Medien und Kultur getragen. Seine besondere Bedeutung gewinnt er unter anderem aus der Tatsache, dass ihm rund zwei Drittel der deutschen DAX 30- Unternehmen angehören.

Die Teilnehmer des Vortrages im Hotel Adlon verfolgten gespannt die Ausführungen Dr. Primakows, als Verkörperung eines echten Stückes Zeitgeschichte in Person und befragten den Staatsmann anschließend ausgiebig in jede Richtung.

Seine Beschreibung der Gesellschaft der GUS, der inneren Konflikte und verbliebenen Gemeinsamkeiten der Nachfolgestaaten der Sowjetunion warf ein völlig neues Licht auf die Region. Ebenso die Einschätzung der Situation Russlands in der gegenwärtigen Wirtschaftskrise. Ganze Städte existieren um sterbende Industrien herum, beispielsweise Togliatti in der Oblast Samara ca. 1.000 Kilometer südöstlich von Moskau. In den Wolga-Automobil-Werken (AwtoWas), dem größten Autowerk Russlands, werden Personenkraftwagen der Marke Lada (russ.Лада) hergestellt. Ein überaltertes Werk, völlig am Bedarf vorbei produzierend und nicht wirklich wettbewerbsfähig. Dennoch versucht die Regierung in Moskau sozialabfedernd zu subventionieren um den Menschen eine Existenz zu gewährleisten. Sozial, jedoch den aufstrebenden Industrien dadurch das dringend benötigte Kapital vorenthaltend. Ein Dilemma, dass durch das Verhalten russischer Banken verstärkt wird. Diese haben die Erlöse aus dem Rohstoffhandel nicht als Kredite an die heimische Wirtschaft weitergegeben, sondern im Ausland investiert. Ein guter Teil der russischen Haushaltsüberschüsse ist so durch die US-Amerikanische Immobilien- und Kreditkrise vernichtet worden.

Das Thema Aussenpolitik versetzte die Teilnehmer in spannende Faszination. Mit welch diplomatischem Geschick dieser Premier a.D. nach wie vor Gespräche um den Globus herum führt, um beispielsweise Regierungen zur Teilnahme an Konferenzen zu bewegen, versetzte in Erstaunen.

Die politische Lage im Nahen Osten war ein Schwerpunkt seiner Darlegungen. Er beschrieb den Wandel in den Ansichten der Nachbarn Israels, von der Forderung den Staat Israel aufzulösen zur Forderung an die Israelis, sich aus den seit dem Sechstagekrieg 1967 besetzten Gebiete zurückzuziehen, als Weg zur Anerkennung. Primakow bewertet auch das Verständnis einiger Nahost-Staaten für Israels Ablehnung einer Rückkehr der palästinensischen Flüchtlinge und ihrer Nachkommen, da diese das ethnische Gefüge Israels und damit seinen Charakter als jüdischen Staat schwerwiegend destabilisieren würde, als wichtigen Fortschritt.

Beim Thema Afghanistan fielen klare Worte. Vom Eingeständnis mit der Entsendung von Sowjettruppen zur Stützung der kommunistischen Regierung im Dezember 1979 einen Fehler begannen zu haben bis hin zur selbstkritischen Aufarbeitung, die Regierung unter Präsident Mohammed Nadschibullah nicht ausreichend logistisch unterstützt zu haben und somit den Taliban indirekt zur Machtübernahme verholfen zu haben. Betroffen machte die Einschätzung, dass Afghanistan früher oder später den Taliban gehören wird.

Abschliessend erklärte der Premier a.D. „Russland in der modernen Welt“ bedeute besonders den Wunsch der Regierung in Moskau nach einem engen partnerschaftlichen Verhältnis zur EU.

In Erinnerung bleibt den Teilnehmern ein Abend voller Informationen, spannend und überzeugend vorgetragen von einem der „Großväter“ der deutschen Einheit.

Primakow am Rednerpult

Dr. Primakow betonte den Wunsch der Regierung in Moskau nach einem partnerschaftlichen Verhältnis zur EU. (Foto: Deutsch-Russisches Forum)

Manfred Stolpe stellt eine Frage an Dr. Primakow

Ministerpräsident a.D. Manfred Stolpe befragt Dr. Primakow zur Opelentscheidung durch GM. (Foto: Deutsch-Russisches Forum)

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Asien-Pazifik-Woche 2009 in Berlin

Oktober 23rd, 2009

Vom 7. bis 18. Oktober 2009 fand unter dem Motto „Asien-Pazifik: Partner für eine gemeinsame Zukunft“ die 7. Asien-Pazifik-Wochen in Berlin statt. Seit 1997 findet die Veranstaltungsreihe alle zwei Jahre statt. Organisiert wird sie von der Senatskanzlei, der Berlin Partner GmbH in Zusammenarbeit mit dem Asien-Pazifik-Forum Berlin e.V. (Koordination des Wirtschafts- und Wissenschaftsprogramms) und dem Haus der Kulturen der Welt (Koordination des Kulturprogramms).

Der asiatisch-pazifische Raum ist für Berlin noch vor Amerika der wichtigste Exportmarkt außerhalb der EU. 2008 wurden Güter im Wert von knapp 2 Mrd. Euro nach Asien ausgeführt. Seit Jahren zählt Japan zu den Top Ten-Absatzmärkten der Berliner Wirtschaft. Im vergangen Jahr stieg China mit einem Anteil von 4,3 % des Gesamtexport Berlins mit in die Gruppe auf. Die Ausfuhren konnten um 14,1% auf 495,4 Mio. Euro gesteigert werden. Zum Vergleich: 1997 lagen sie noch bei 127 Mio. Euro.

Mit Japan, China, Indien, Australien, Südkorea und Indonesien gehören 6 der G-20 Staaten der AP-Region an. Allein auf diese 6 Länder entfallen mehr als 20% des Welt-BIP und über 43% der Weltbevölkerung – Tendenz steigend. Selbst im schwierigen Krisenjahr 2009 erreichen die asiatischen Schwellenländer durchschnittlich positives Wirtschaftswachstum (2,7%), allen voran China (6,5%), Indien (4,5%) und Indonesien (3,5%). Schon 2010 wird in Asien wieder ein Wachstum von 5,5% erwartet. In China und Indien werden im Rahmen von Konjunkturprogrammen umfangreiche Infrastrukturprojekte früher als geplant realisiert. Dies gibt auch Deutschland und Berlin wichtige Impulse.

Die Veranstaltungen der Asien-Pazifik-Wochen erhöhen die Aufmerksamkeit und das Interesse an den Ländern und Märkten der asiatisch-pazifischen Region, informieren über Marktbedingungen, fördern die Internationalisierung der Berliner Wirtschaft und ermöglichen Unternehmenskontakte. Bei den APW 2009 gilt dies insbesondere für die Kompetenzfelder Verkehrs-, Umwelt- und Energietechnik, wie sie in den Themenschwerpunkten der diesjährigen Asien-Pazifik-Wochen „Mobilität“ und „Energie“ zum Ausdruck kommen. Mit einem breiten Programm aus Konferenzen, Symposien, Ausstellungen und Performances konnten sich die Asien-Pazifik- Wochen als Forum etablieren. In diesem Jahr fanden in Berlin mehr als 150 Veranstaltungen an 35 Orten statt, 9 Delegationen aus der Region Asien-Pazifik (China, Indonesien, Kambodscha, Mongolei, Pakistan, Vietnam, Taipeh) waren anwesend und es wurden insgesamt rund 250.000 Besucher gezählt.

Referenten Indo-German SummitAuf dem Indo-German Business Summit am 13.10. im Berliner Rathaus konnten sich indische Unternehmen über die aktuellen Rahmenbedingungen für Investitionen und Akquisitionen in Deutschland informieren. Die geplante parallele Vortragsreihe für deutsche Unternehmen über Chancen in Indien wurde abgesagt, da sich im Vorfeld kaum Teilnehmer angemeldet hatten.

Vortrag Dirk Matter IHK BerlinÜber den indischen Aufschwung trotz Krise berichteten aber am 14. Oktober 2009 in der Industrie- und Handelskammer Berlin Referenten aus Industrie, Wissenschaft und der indischen Botschaft. Im Mittelpunkt standen die Möglichkeiten der Kooperation zwischen Wirtschaft und Wissenschaft in Indien. Am Beispiel der Bereiche Infrastruktur & Verkehr und Energiewirtschaft & Umwelttechnik wurden die Geschäftschancen für Berliner Firmen aufgezeigt. Besonders der detaillierte Vortrag von Dirk Matter von der Außenhandelskammer Indien bot Überblick und zeigte Perspektiven auf. Matter besetzt den neue eingerichteten India Desk der IHK.

In der Landesvertretung Hessen informierten am 15.10. vier Experten und DAW-Vertreter aus Asien (Thailand, Vietnam, Indonesien und Indien) über Chancen und Risiken für deutsche Unternehmer in Bezug auf ASEAN, der im Jahr 2015 vermutlich größten Freihandelszone der Welt. Dies könnte ein Megamarkt mit 3 Milliarden Menschen wie die EU werden - grenzfreier und zollfreier Warenverkehr inbegriffen.

Aedes East, ein Forum für zeitgenössische Architektur, erkundete mit der Ausstellung „What Makes India Urban? Challenges towards mobility, infrastructure, energy and perpetual change“ vom 9.10. bis 4.11. die aktuellen Entwicklungen innerhalb der Urbanisierung Indiens und untersucht die Verknüpfung von Urbanisierung und kulturellem Wandel anhand audiovisueller Installationen.
Über 50 indische Architekten, Städteplaner, Künstler, Filmemacher, Designer und Theoretiker stellten in transdisziplinären Projekten ihre Konzepte für neu entstehende Stadträume und ihre komplexen Nutzungen vor. “Screened and Narrated Urbanism” führte den Besucher in einer audiovisuellen Installation in die Alltagswelt indischer Städte. Man blickt durch Autofenster auf belebte Straßen und neue Highways, aus dem Zug in Satellitenstädte, aus dem Bürofenster auf Skylines, oder lauscht Stimmen aus Gurgaon, der Sonderwirtschaftszone direkt vor den Toren Delhis. Text- und Hörbeispiele führen in den Mikrokosmos persönlicher Lebenswelten, der Geschichten der Städte mit ihren sozialen Milieus, die im Zuge von Globalisierung und Homogenisierung extremen Wandlungen unterliegen. Vernissage “De-mystified Urbanism” identifizierte Handlungsbereiche für Architekten und Städteplaner und zeigte auf, wie Städte neu gestaltet werden können: von Stadtsanierung, Sonderwirtschaftszonen, Infrastruktur- maßnahmen und nachhaltigen Entwicklungsprojekten bis hin zu den so genannten “Gated Communities”.

Die Ausstellung und das begleitende Symposium am 10.10.2009 wurden von Anand Patel und Ulla Giesler kuratiert.

TänzerinnenPadmini Chettur gilt als eine der wichtigsten Vertreterinnen des zeitgenössischen Tanzes in Indien und ist als Tänzerin und Choreografin international erfolgreich. Ihr langjähriger Kontakt zu Sasha Waltz führte sie immer wieder nach Berlin. Am 7. und 8.10. zeigte sie zum ersten Mal in Deutschland „Beautiful Thing 1“, koproduziert von der Szene Salzburg, dem Théâtre de la Ville, Paris, und Unterstützung des Goethe-Instituts. Chettur setzt der gewohnten Hektik und Schnelllebigkeit ihre klar strukturierte, pointierte choreografische Sprache entgegen. Es geht ihr um Nachhaltigkeit, um eine Ökonomie der Bewegungen, die sich durch Präzision und Reduktion auszeichnet. Sechs Tänzerinnen treten vor, geben in Stichworten Auskunft über sich und ihren Auftrag im Stück. Das Klanggerüst von Sounds und Sprache lässt Bewegungen entstehen, die geometrische Formen auf die Bühne zeichnen. Wer sich einlässt, wird mit Entschleunigung belohnt.

Gefeiert wurde der Abschluss der Asien-Pazifik-Woche 2009 im Haus der Kulturen der Welt, das als strategischer Partner das Kulturprogramm der APW verantwortet, mit Talvin Singh und seiner Band.


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Wenn der Regen ausbleibt

Oktober 11th, 2009

Fehlerhaftes Wassermanagement ist die Ursache vieler Missstände in Indien. Der spärliche Monsun diesen Sommer verstärkt die Problematik.

„Big Dams are to a Nation’s ‘Development’ what Nuclear Bombs are to its Military Arsenal. They’re both weapons of mass destruction.“ behauptet die Bestsellerautorin und politische Aktivistin Arundhati Roy*. Sie verteidigte auch auf der Eröffnungsveranstaltung des Internationalen Literaturfestivals am 9. September in Berlin ihren Einsatz gegen das Narmada Staudamm-Projekt. Die von der Umsiedlung betroffene Bevölkerung bestünde mehrheitlich aus ungebildeten Menschen unterer Schichten, insbesondere Dalit und Adivasi. Diese könnten sich aufgrund ihrer sozialen Position nicht gegen die Regierungspläne zur Wehr setzen und erhielten keine oder nur geringfügige Entschädigungen. Bis zu 500.000 Menschen seien für den Stausee umgesiedelt worden oder hätten infolge der damit verbundenen Entwicklungen ihr Land oder ihren Lebensunterhalt verloren.

Zu den größten Umweltproblemen des Landes gehört jedoch die Wasserknappheit. Der Streit von Bundesstaaten über die Nutzung der Flüsse, die durch ihr jeweiliges Gebiet fließen, beschäftigt Parlamente und Gerichte. Bauern besetzen Stauseen, um gegen die Wasserentnahme durch Fabriken der Umgebung zu demonstrieren und wehren sich gegen die Umleitung von Wasser in die wachsenden Städte. Selbstmorde von Farmern gehören zum Alltag. Ernteausfälle nach ausgebliebenem Monsunregen und zu hohe Kreditaufnahmen für Brunnen werden regelmäßig als Ursachen angeführt.

Nach einem regenarmen Monsun droht Indien in diesem Jahr eine Dürre. Fast die Hälfte der 604 Distrikte des Landes sind betroffen. Vor allem in den armen und bevölkerungsreichen Bundestaaten im Norden. Nach Angaben des Meteorologischen Instituts in Neu-Delhi liegen die Niederschläge 29 Prozent unter dem üblichen Durchschnitt. In manchen Regionen hat es im August nicht einmal ein Drittel so viel geregnet wie üblich.

Eventuell hat das Klimaphänomen El Niño im Rahmen der globale Atmosphärenzirkulation einen Einfluss auf die Dynamik des indischen Monsuns. Das Phänomen ist Teil eines natürlichen atmosphärischen Zyklus, wird aber eventuell durch den Treibhauseffekt verstärkt. Im Verlauf von El Niño verschieben sich die Windsysteme über dem Pazifik. In der Folge schwächt sich der kalte Humboldtstrom westlich Südamerikas ab, und eine Warmwasserschicht wandert von Südostasien nach Südamerika durch den tropischen Ostpazifik. Während dieser sich erwärmt, sinken die Wassertemperaturen vor Australien und Indonesien. Dies führt zu geringen Niederschlagsmengen des Sommermonsuns und bedingt Trockenheit und Missernten in Indien und Südostasien.

Der Sommermonsun von Juni bis September macht rund drei Viertel der jährlichen Niederschlagsmenge Indiens aus. Wobei fast die Hälfte der Wassermenge in einen kurzem Zeitraum von zwei Wochen abregnet. Ohne Monsun können die im Sommer auf den Feldern angebauten Pflanzen nicht wachsen. Die großen Flüsse Indiens Indus, Ganges und Brahmaputra boten eine alternative Wasserressource, wenn der Monsun spät kam oder wenig Regen brachte. Aber sie führen weniger Wasser, als in den vergangenen Jahren. Durch den Klimawandel schrumpfenden die Gletscher im Himalaja und geben im Sommer nicht mehr so viel Tauwasser in die Flüsse ab wie früher.

Für die Wintersaat sieht es auch nicht gut aus. Viele Wasserspeicher sind unterdurchschnittlich gefüllt und der Grundwasserspiegel sinkt zusehends. Die Möglichkeit die Felder mit Grundwasser aus Brunnen bewässern zu können, sichert eine ertragreiche Winterernte. Durch die Ausweitung der Bewässerungsflächen und der Zunahme der Bevölkerungsdichte stieg der Wasserverbrauch stark an. Der Grundwasserspiegel sank entsprechend ab.

Die aktuelle Lage wird aber zu keiner Hungersnot führen. In den vergangenen zwei Jahren waren die Ernten gut. Die Weizen- und Reisspeicher der Regierung sind gefüllt. Indem diese Reserven auf den Markt gebracht werden, kann ein starker Anstieg der Lebensmittelpreise verhindert werden. Da sich der Anteil der Landwirtschaft am Brutto-Inlands-Produkt von 30 Prozent im Jahr 1990 auf aktuell 18 % reduzierte, ist die Beeinträchtigung des allgemeinen Wirtschaftswachstums auch gering. Es wird weiterhin mit 5 Prozent Steigerung gerechnet.

Die in den 50er Jahren unter der Bezeichnung „Grüne Revolution“ begonnene Modernisierung der Landwirtschaft zahlt sich aus. Der Anbau von Hochertragssorten, Einsatz künstlicher Dünger und Insektenschutzmittel, sowie die künstlichen Bewässerung landwirtschaftlicher Flächen - ermöglicht durch den Bau großer Staudämme - hat dazu beigetragen, dass sich Indien heute mit Nahrungsmitteln weitestgehend selbst versorgen kann.

Insgesamt verfügt Indien auch über genug Wasser für die Landwirtschaft, Industrie und den persönlichen Verbrauch der Bevölkerung. Das meiste davon fällt nur in einen sehr knappen Zeitraum und am „falschen“ Ort. Die Herausforderung für die Regierung liegt darin, das Wasser zu sammeln und an die Stellen zu transportieren, wo es am meisten gebraucht wird. Eine Lösungsweg für das Problem sind Staudämme. Indien verfügt nur über 200 Kubikmeter gespeicherten Wassers pro Person. China im Vergleich über 1000. Auch durch Instandsetzung der maroden Infrastruktur für den Wassertransport und einem effizienten Umgang mit Ressourcen kann viel gewonnen werden. Die Transportverluste durch undichte Rohre sind hoch. Der durch Neubauten gewonnen Wasserspeicherkapazität stehen die Verluste durch mangelhafte Wartung der bestehenden Staudämme gegenüber. Durch Ablagerung von Sedimenten und Verschlammung der alten Anlagen gehen bis zu zwei drittel der Zugewinne wieder verloren.

Da Bauern den Strom für die Wasserpumpen in ihren Brunnen in vielen Bundestaaten kostenlos oder stark subventioniert beziehen und die Ernte oft zu einem festen „minimum support price“ an die Regierung verkaufen können, liegen keine marktwirtschaftlichen Steuerungsinstumente vor, um die Menge der Grundwasserentnahme auf ein ökologisch verträgliches und nachhaltiges Maß zu begrenzen. Die staatlichen Energieversorger erwirtschaften durch diese Politik nur Verluste. Aber es ist schwer Änderungen durchzusetzen. Die Chefminister der Bundestaaten AP und Madhya Pradesh verloren nach Ankündigungen die Stromsubventionen überdenken zu wollen die Wiederwahl.

Auch viele Gemeinden subventionieren Wasser. In Delhi decken die erhobenen Gebühren nur 40 Prozent der Bereitstellungskosten. Obwohl die Stadt 220 Liter pro Person bereitstellt - mehr als Paris - gibt es Versorgungsengpässe. Fast die Hälfte geht auf dem Transport durch Lecks verloren. In manchen Vierteln fließt nur unregelmäßig für eine oder zwei Stunden trübes Wasser aus dem Hahn. Wohlhabende Haushalte im Süden der Stadt haben sich eigene Brunnen gebohrt, auf die sie zurückgreifen können. Diese sind mit Baukosten von 600 US-Dollar für viele Menschen in den anderen Stadtteilen unerschwinglich. Sie müssen ihr Wasser zu hohen Preisen von privaten Händlern beziehen. Für eine Familie entstehen dadurch Kosten von 20$ pro Monat. Das ist ein Viertel eines durchschnittlichen Fabrikarbeiterlohns.

Idealerweise würde Indien die kommerzielle Produktion besonders „durstiger“ Pflanzen wie Reis und Zuckerrohr in östliche, wasserreiche Landstriche wie Bihar oder West-Bengalen verlagern. Die Infrastrukturkosten und politische Querellen wären jedoch immens. Aber Einsparpotential kann auch durch technische Modernisierung in anderen Anbaugebieten realisiert werden. Farmer in Tamil Nadu und AP konnten mit der Einführung modernen Saatguts und neuen Reisanbaumethoden ihren Wasserverbrauch um die Hälfte reduzieren. In trockenen Gebieten, wo die starke Entnahme Einzelner ganze Brunnen austrocknen kann, bietet sich ein verstärkter Informationsaustausch über Regenfall, Grundwasserpegel und Anbaumethoden unter den Farmern an. In einem Modellversuch in AP nehmen bereits 25.000 Bauern teil. Aber Indien braucht auch mehr Wasserspeicherkapazität. Wenn nicht die Mammutprojekte wie den Bhakra Damm in Himachal Pradesh, dessen Bau Ende der 50er Jahre die Bewässerung von 7 Millionen Hektar Ackerland in Punjab und Haryana ermöglichte, so doch unzählige kleine Reservoirs und Seen in lokaler Verantwortung.

Quellen

Spiegel, 13.08.2009

Spiegel, 18.08.2009

Economist, 09.09.2009

Die Zeit, 01.10.2009

Zum Weiterlesen

Mehr Nutzen aus Staudamm-Großprojekten? Zum Bericht der World Commission on Dams

Drowned Out, 2002, Dokomentarfilm von Franny Armstrong über das Narmada Staudamm-Projekt

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Unser Markenzeichen: Respekt

Juli 2nd, 2009

Thieme & Wortmann unterstützt die Kampagne „Mein Markenzeichen: Respekt“ des Bündnisses „Berliner Ratschlag für Demokratie“. Sozialsenatorin Dr. Heidi Knake-Werner, Walter Momper, Präsident des Abgeordnetenhauses, Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau, Filmemacherin und Moderatorin Mo Asumang und viele andere unterzeichneten bereits das Kerndokument der Kampagne: die Berliner Verpflichtung. Diese ruft die Bürger dazu auf, sich für ein weltoffenes Berlin und für eine Kultur des Respekts im Alltag zu engagieren und wirbt für gegenseitiges Verständnis zwischen den unterschiedlichen Kulturen und für ein harmonisches Zusammenleben in der Stadt.

Berlin steht seit den Tagen des „Großen Kurfürsten“ Friedrich Wilhelm im 17. Jahrhundert für Immigration und religiöse Toleranz. Einwanderer werden unterstützt und ihnen wird ein Neuanfang ermöglicht. Die bekanntesten Gruppen unter ihnen - Hugenotten (seit 1685), in Südeuropa und der Türkei angeworbene Arbeitsmigranten (ab den 50er Jahren) und die vielen Europäer, die die Freizügigkeitsregelung der EU nutzen, um in Berlin zu leben und zu arbeiten - haben sich sichtbar in der Stadt eingebracht. Die kulturelle Vielfalt der Menschen in Berlin ist dabei nicht nur ein wirtschaftlicher Standortfaktor, die großen Unterschiede zwischen den Stadtvierteln machen Berlin im Alltag so spannend.

Die Kampagne soll dazu anregen, Aktivitäten für ein demokratisches und vielfältiges Berlin zu starten und rechtsextremes Gedankengut sowie diskriminierende, fremdenfeindliche, rassistische oder antisemitische Haltungen und Handlungen zu ächten. Alle Berlinerinnen und Berliner sind aufgerufen, die „Berliner Verpflichtung“ zu unterzeichnen, die auf der Website
www.berlinerratschlagfuerdemokratie.de zu finden ist und sich am Wettbewerb „Respekt gewinnt“ zu beteiligen.

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Prima Klima - Lernende Netzwerke für den Klimaschutz

Juli 2nd, 2009

Wie sich durch Energieeffizienz die CO2-Emmissionen der deutschen Wirtschaft verringern lassen war Thema einer Multiplikatorenkonferenz in Osnabrück. Vom Bundesumweltministerium geförderte regionale, lernende Netzwerke der mittelständischen Wirtschaft diskutierten am 24. Juni einen effizienteren Umgang mit Energie und die Substitution der derzeit verwendeten Energieträger. Um das vorhandene Einsparpotential zu realisieren wurde aufbauend auf den Praxiserfahrungen der laufenden Netzwerke das Managementsystem LEEN (Local Energy Efficiency Network) vom Fraunhofer-Institut in Zusammenarbeit mit dem Modell-Hohenlohe entwickelt und steht ab sofort zum bundesweiten Einsatz bereit. Ziel ist es, interessierte Unternehmen am Runden Tisch zum gemeinsamen Entwickeln und Umsetzen von Energiesparmassnahmen zu bewegen. 30 Pilot-Netzwerke mit etwa 400 Betrieben werden für vier Jahre vom Bund mit bis zu einem Drittel ihrer Kosten für Moderation, Initialberatung und Monitoring gefördert.

Das besondere an dem Projekt ist meiner Meinung nach die Hilfe zur Selbsthilfe. Anhand gelebter Beispiele können Betriebe Erfahrungen zur CO2 Vermeidung und dem Schutz unserer Lebenswelt austauschen. Unternehmen bekommen dabei keine Beratung übergestülpt, nein, Selbstinitiative und Eigenverantwortlichkeit ist gefragt. Fair und ohne Konkurrenzgehabe bündeln die am Tisch versammelten Unternehmen ihre Erfahrungen und entwickeln Konzepte, wie Sie den Energieeinsatz in ihren Unternehmen vermindern. Dies moderiert und begleitet von Ingenieuren und vom Fraunhofer-Institut zertifizierten Moderatoren. Know how pur belohnt durch finanzielle Förderung des Bundes. Ein toller Schritt nach vorn ist gemacht und mal wieder siegt das Motto: wer wagt, gewinnt!

Firmenvertreter im Gespräch

Firmenvertreter im Best-Practice Gespräch (Foto: Modell Hohenlohe)

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Wahlausgang in Indien

Mai 20th, 2009

Die Kongress-Partei hat ein klares Mandat für die Lok Sabha bekommen. Die von ihr geführte Vereinigte Progressive Allianz (UPA) verfehlte mit 261 von insgesamt 543 Sitzen nur knapp die absolute Mehrheit. Die Kongress-Partei allein konnte 206 Sitze gewinnen. Das ist nicht nur das beste Wahlergebnis der Partei seit mehr als 25 Jahren, seit dem früheren Premierminister Jawaharlal Nehru ist Singh auch der erste Regierungschef, der eine zweite Amtszeit antritt. Der zweitstärkste politische Block, die National Democratic Alliance (NDA) unter Führung der hindu-nationalistischen BJP, kam zusammen nur auf 159 Sitze.

Der Kongress-Partei gelang es vor allem die Jungwähler für sich zu mobilisieren. Der 39-jährige Rahul Gandhi symbolisiert nicht nur das moderne, junge Indien, er hat auch frische Ideen in die altehrwürdige Partei gebracht. Die Partei rückte u.a. von der traditionellen Praxis ab, die Reichen und die Großunternehmer auf Kosten der Armen und der Bauern zu bevorteilen. Mit einem Schuldenerlass für Bauern und einer Gehaltserhöhung für die Beamten konnten sie die typische Kongress-Klientel an sich binden. Die indische Wirtschaft hofft, dass der Kongress mit Singhs wirtschaftlichem Sachverstand das Land durch die globale Finanzkrise bringen wird und das Reformtempo wieder anzieht. In den Bereichen Infrastruktur und Bildung sind erhebliche Investitionen und Reformen nötig, wenn Indien auf Dauer wieder Wachstumsraten von acht bis neun Prozent erreichen will.

Ein weiterer Grund ist die angespannte Lage in den Nachbarstaaten Indiens. Der Kampf gegen die Taliban in Afghanistan ist alles andere als erfolgreich. Pakistan steht inmitten seiner schlimmsten Krise, seitdem das Militärregime die demokratisch gewählte Regierung an die Macht ließ. In Sri Lanka lenken die tamilischen Tiger nach einem Vierteljahrhundert ein, doch das Land ist gespalten. In Nepal ist der Machtkampf nach dem Fall der Monarchie in vollem Gange. In all diesen Ländern hat Indien starke Interessen. In einer solch instabilen Situation wollten sich die Wähler auf keine Experimente einlassen.
“Indien ist nicht nur ein überwiegend junges Land, in dem 70 Prozent der Bevölkerung jünger als 35 Jahre alt sind. Es ist auch viel besser vernetzt als früher durch unabhängige Medien, Fernsehen und Mobiltelefone. Herauskommt, dass das Indien des 21. Jahrhunderts viel schlauer ist. Wähler entscheiden eher nach Kriterien wie dem Regierungsstil und Entwicklungsfragen als nach Identitätsfragen, die früher eine Rolle spielten”, erläutern THE TIMES OF INDIA aus Mumbai.

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Wahlen in Indien

April 16th, 2009

In Indien beginnen heute die Parlamentswahlen. Bis zum 13.5. werden 714 Millionen indische Wähler in fünf Phasen aufgerufen ihre Stimme abzugeben. Das Ergebnis wird Samstag 16.5. verkündet. Es sind die 15. Parlamentswahlen seit der Unabhängigkeit von Großbritannien 1948. Gewählt werden 545 Mitglieder der Lok Saba, dem Haus des Volkes. Jeder von ihnen wird 2.000.000 Menschen repräsentieren. Wir halten die indische Demokratie inzwischen für eine Selbstverständlichkeit, doch das ist ein Fehler.

Die Mittelklasse zeigt sich mehr und mehr Unzufrieden mit der politischen Klasse. Mit ihrer apathischen Einstellung zur Politik hat es die indische Mittelklasse opportunistischen Politikern ermöglicht die politische Szene einzunehmen. Viele der Spitzenpolitiker stehen unter Korruptionsverdacht. Die nun anstehende Wahl muss so manche Frage beantworten: zum Beispiel wie kommt das von der Finanzkrise schwer getroffene Lande wieder auf Kurs? Gelingt es einer Regierungskoalition aus regionalen Parteien das gesamte Land zu repräsentieren und somit die indische Demokratie zu sichern?

 

Umfragen sehen die von Sonia Gandhis Kongress-Partei angeführte Regierungskoaltion UPA mit dem Spitzenkandidaten Manmohan Singh vor der national-hinduistischen Koalition NDA mit LK Advani, gehen jedoch gleichzeitig von einem großen Stimmengewinn regionaler Parteien aus. Einzig sicher zu sein scheint, dass aus dieser Wahl nur eine instabile Regierung hervorgehen kann. Mag die Wahl an sich auch ein Zeichen für die Gesundheit der indischen Demokratie sein mag, so wird die neue Regierungskoalition doch kaum die Reformen ermöglichen, die das Land dringend braucht.

 

Die nächste Regierung muss mit einschneidenden Strukturreformen die Wirtschaft wieder flott bekommen und zugleich aber die Existenzängste der Armen berücksichtigen. Die beiden großen Parteien, der links-liberale Kongress und die hindu-nationalistische BJP, die diese Hürde noch am ehesten stemmen könnten, werden bei der Wahl voraussichtlich weiter an Gewicht verlieren. Das die beiden eine große Koalition gegen den Machtverfall bilden, gilt als ausgeschlossen. Zu ausgeprägt ist ihre Rivalität. Jede von ihnen wird versuchen, möglichst viele der kleinen Parteien an sich zu binden, um eine stabile Regierungsmehrheit zu bilden. Misslingt ihnen dies, dann schlägt womöglich die Stunde einer Regierung aus Regionalparteien und Kommunisten. Diese als Dritte Front bezeichnete Koalition würde Mayawati, die Regierungschefin des Bundesstaates Uttar Pradesh, als Premierministerin durchsetzen. So begrüßenswert es ist durch eine weibliche Premierministerin aus der Gruppe der Dalit (früher: Unberührbare) in der indischen Gesellschaft starkt benachteiligten Bevölkerungsgruppen eine politische Stimme zu verleihen, für die Wirtschaft wäre das der denkbar schlechteste Wahlausgang.

 

Trotz aller inneren und äusseren Widersprüche und Probleme funktioniert das Experiment, Indien auf demokratische Weise zu entwickeln, seit Gandhi das Land in die Unabhängigkeit führte. Nirgendwo auf der Welt sind so viele Menschen in einen demokratischen Prozess eingebunden, wie zu Zeiten indischer Parlamentswahlen. Ob es in Zeiten der Globalisierung und des Terrors fortgesetzt werden kann ist ungewiss. Ich wünsche es mir für Indien und uns alle, weil Indien trotz all der Spannungen an den Gräben Region, Kaste und vor allem Religion, die mehr schlecht als recht austariert werden, Hoffnung vermittelt, dass der Ansatz demokratisch legitimierter Entwicklung eines Schwellenlandes funktioniert. Der stark wachsende Einfluss regionaler bzw. kastenorientierter Parteien steht allerdings für einen Erosionsprozess, an dessen Ende der Zerfall des Bundesstaates stehen könnte. Aber diese Unkenrufe begleiten indische Wahlen seit den 50er Jahren. Hoffen wir, dass alles ruhig bleibt, gut geht und wir uns bald wieder der Frage zuwenden können warum schon wieder der Strom ausgefallen ist.

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